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In meinem Buch "Ein Neuanfang auf Kreta", welches durch den agenda Verlag publiziert wurde, erzähle ich über die ersten fünf Jahre meines Lebens auf Kreta als Olivenbäuerin und Gastgeberin. Das Werk enthält meine Erlebnisse und Erfahrungen im ländlichen Teil Kretas, abseits der Touristenströme und gibt Einblick in das Leben, die Tradition und die Kultur der Kreter. Ich lege deshalb den Menschen die ebenfalls vom Kreta-Virus befallen sind, die eine Urlaubsreise nach Kreta planen und mehr über ihr Reiseziel erfahren möchten sowie den Abenteurern, die sogar eine Auswanderung nach Kreta planen, dieses Buch besonders ans Herz.

Kleine Kostproben aus dem Buch

Die schwarz gekleidete Witwe zögerte nicht lange, schlüpfte in die Rolle der Krankenschwester und erklomm mit Hilfe ihres Holzstocks die Treppen zum Studio. Im ersten Augenblick dachte ich dem Tod persönlich ins Antlitz zu blicken, als ich aufwachte und die schwarze, runzlige Maria neben meinem Bett stehen sah. Sie befahl mir, mich auszuziehen und rieb mich von Kopf bis Fuß mit Petroleum ein, was ihrer Meinung nach die beste Medizin gegen Fieber sei. Andere Frauen im Dorf setzen üblicherweise lieber auf die Schlagkraft von Rakí-Schnaps als Fiebersenker. Ob es der Schreck oder die Wirkung des Petroleums war oder ob die Grippe von selbst wieder vorbeiging, kann ich nicht mit Sicherheit sagen; Fakt ist jedoch, dass ich bereits wenige Stunden nach der Petroleumabreibung wieder auf die Beine kam.​​​​​​​

Für einen weiteren Lichtblick im Leben der vielen schwarzgekleideten Witwen in unserer Nachbarschaft sorgt das allabendliche Treffen beim Koutsoúri vor unserem Haus. Dort vereinen sie sich an den milden Tagesenden, beobachten und kommentieren die Vorbeifahrenden, tauschen Gerüchte aus und schwelgen in Erinnerungen und lassen frühere Zeiten wiederaufleben. Mit ihren wettergegerbten Gesichtern, ihren Kopftüchern, langen Gewändern und Holzstöcken sind sie die größte Attraktion von Vagionia. ​​​​​​​
Dimitris’ Einzug im Dorf mit unserem neuen Ranger war triumphal. Die Leute in den Kafenía auf dem Dorfplatz reckten die Hälse, um zu sehen, wer der Besitzer dieses Prachtfahrzeugs war und viele Bekannte gratulierten uns zum Kauf und wünschten uns kalotáxido – eine gute Reise. Sie strömten von überall herbei, um das Cockpit, die Sitze, den Motor, die Ladefläche und die Fahrgäste des Rangers zu bewundern. In ganz Kreta gab es nur sehr wenige identische Fahrzeuge und es war eine echte Sensation im Dorf, dass ausgerechnet Dimitris der neue Besitzer dieses Autos für echte Männer war. Dimitris erntete einige neidische, ja sogar verächtliche Blicke, aber auch viele herzliche Kommentare und natürlich wollten alle wissen, ob das Auto neu war und wie viel es gekostet hatte. Man merkte, dass das Versager-Image von Dimitris bröckelte und einige Männer plötzlich gerne mit ihm tauschen wollten. Unsere große Freude und unser Stolz sollten jedoch bald getrübt werden.
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Als uns meine Schwester Anita mit ihrer Familie auf Kreta besuchte, unternahmen wir gemeinsam eine Wanderung in einer abgelegenen Schlucht, um die Abenteuerlust ihres Mannes Tamas und dem kleinen Sohn Elio zu befriedigen. Auf halbem Weg stießen wir auf ein eineinhalb Meter großes Hindernis in Form eines riesigen Felsens, der im Flussbett thronte. Das Klettern war nicht einfach, da der Stein feucht vom Flusswasser war, aber mit gemeinsamer Anstrengung schafften wir es, uns gegenseitig hochzuziehen. Obwohl Lara es gar nicht mochte, hochgehoben zu werden, versuchte ich sie in meine Arme zu locken, um sie auf den Gipfel des Felsens zu hieven. Das lehnte sie energisch ab. Stattdessen holte sie Anlauf, sprang bis zur Hälfte des Brockens, federte mit ihren kurzen Beinen ab, ließ ihren kleinen Körper nochmals in die Höhe schnellen, krallte sich mit ihren weißen Pfoten oben fest und zog sich mit einer ungeheuren Energie hoch. Unseren Beifall hatte sie mehr als verdient, und die Wandergruppe konnte weiterziehen.

Etwa ein Jahr lang lehrte  mich Lara die Hundesprache, Loyalität und bedingungslose Liebe. Dann verschwand sie eines Tages und das brach mein Herz. Ich kann es noch immer nicht akzeptieren, dass sie weg ist, hoffe so sehr, dass sie noch lebt und dass es ihr gut geht und dass sie eines Tages, wie durch ein Wunder, wieder bei uns auftaucht.

Chrisoula hatte es als Waisenkind und als Außenseiterin nicht einfach im Leben und als wir ihr den Schafbock Minos zur Seite stellten, verbesserte sich ihr Schicksal kaum. Das Zusammenleben des Paares war von Gewalt geprägt. Immer wieder wurde Chrisoula von ihrem groben Partner mit Kopfstößen malträtiert. Sie bedachte Dimitris oft mit einem Blick, der sagen wollte: Warum bloß hast du einen solchen Idioten für mich ausgesucht? Irgendwann konnte Dimitris die Misshandlungen nicht mehr mit ansehen. An die erhoffte Fortpflanzung der beiden war nicht zu denken. Das ungleiche Gespann konnte beim besten Willen nicht zusammenfinden. Deshalb landete Minos im Kochtopf und Chrisoulas Lebensqualität verbesserte sich maßgeblich.

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Der Karfreitag ist für mich der schönste Tag im Jahr, denn dann ist der Zusammenhalt in unserem Dorf am meisten spürbar. Nach der Messe begeben sich die Pfarrer und die singenden Kirchenbesucher mit dem blumengeschmückten Sarg Christi, dem Epitáphios, auf eine Prozession durch ganz Vagionia, mit Halt vor jedem einzelnen Gebäude. Vor den Häusern werden mitten auf der Straße Feuer entfacht und die Umzugsteilnehmer erhalten eine Stärkung von den Hausbewohnern, während die Pfarrer die Gebäude segnen. Die Gläubigen erhalten ihren Segen, indem sie unter dem Epitáphios durchgehen. In unserer Familie ist es üblich, den während der Prozedur wartenden Gläubigen spanische Nüsse anzubieten. Wer es mit den Fastenregeln nicht so genau nimmt, darf sich an den von mir aus der Schweiz importierten Schokoladeneiern erfreuen. Wenn die Prozession weiterzieht, schließe ich mich jeweils, zusammen mit unseren Gästen, dem Umzug durchs Dorf an, während Dimitris das Abendessen vorbereitet. Jede Nachbarschaft versucht die Andere zu überbieten und auf unserer Tour durchs Dorf probieren wir uns durch Limoncello, Rakí, Bonbons, Walnüsse, Mandeln und gekochte Schnecken durch, bis unsere Mägen gefüllt und es in unseren Köpfen schwindlig wird. Den großzügigen Spendern wünschen wir ein langes Leben: Chrónia pollá! Die Prozession endet auf dem Friedhof, wo die Pfarrer zum Gedenken an die Toten die Namen der Verstorbenen lesen, welche auf Zetteln stehen, die ihnen von den Gläubigen eilig zugesteckt werden.
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Er war wohl noch nie an einem 14. September auf dem Kofinas, wenn die Bergkirche Timios Stavros ihren religiösen Feiertag des heiligen Kreuzes zelebriert. Dann pilgern nämlich ganze Familien aus dem Dorf Kapetaniana auf den Berggipfel, um gemeinsam zu beten und zu feiern. Auch sehr betagte, aber zähe Gläubige bündeln ihre gesamte Kraft und mühen sich in ihren schwarzen Gewändern und mit ihren Gehstöcken den steilen Pfad herauf, um das Opfer Christi für unser Heil zu würdigen.
Während wir auf den Bänken vor der Kirche unsere belegten Brote auspackten, setzte sich Manuela auf einen Felsen und betrachtete die Weite des aufgewühlten Meeres im Abgrund. Plötzlich glätteten sich die Wellen an einer Stelle und eine Gruppe Delphine sprang aus dem Wasser. Noch bevor sie dazu kam uns zu rufen, war der Spuk auch schon vorbei, und die erhabenen Tiere verschwanden in den Tiefen des Meeres. Während wir Manuela um ihre Beobachtung beneideten, war die junge Frau wie berauscht von diesem Ereignis, das sich ihr wie eine Offenbarung manifestierte. Und die Insel hatte mit ihrer Magie erneut einen Menschen in ihren Bann gezogen.
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Über dem östlichen Hügel stieg der leuchtende Vollmond auf und legte einen hellen Schein aufs pechschwarze Meerwasser vor uns. Vom westlichen Hügel ertönte passend dazu ein Wolfsgeheul, als Hermes seiner Verzweiflung, nicht bei uns sein zu können, Ausdruck verlieh. Ηermes' Klagen waren bereits verstummt, als wir ein Motorengeräusch hörten und ein schwarzer Pickup neben dem gestrandeten Fischerboot am linken Ende des Strandes auftauchte.
Drei jüngere Männer stiegen aus und leuchteten mit ihren Taschenlampen ins Wasser. Ich nahm an, dass es Fischer waren, die ihre Ausrüstung überprüften. Marina hatte andere Vorstellungen. Sie raunte mir ängstlich zu: «Mama, wenn diese Männer uns etwas antun wollen, dann wäre jetzt niemand hier, der uns helfen könnte. Nicht einmal Hermes könnte uns nun beschützen.» «Nur keine Sorge!», antwortete ich. «Hier auf Kreta kannst du dich sicher fühlen, denn es gibt nur eine geringe Kriminalität.» Dann kam mir ein Geistesblitz, wie ich die Situation noch zusätzlich entschärfen konnte. «Wenn wir aufhören zu sprechen und uns in unsere Schlafsäcke einwickeln, dann merken die doch nicht einmal, dass wir Frauen sind, wenn sie uns entdecken und kommen erst gar nicht auf dumme Gedanken», teilte ich Marina mit. Sie fand diesen Vorschlag schlau und wir verzogen uns beide schweigend in die Tiefen unseres Nachtlagers. Ich sah noch, wie die Jungs mit den Lampen in unsere Richtung leuchteten.
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Inhaltsverzeichnis "Ein Neuanfang auf Kreta"

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Autorenporträt Catia Letizia

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Pressemitteilung

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Das Buch kann bei mir persönlich oder beim agenda Verlag unter folgendem Link bestellt werden https://agenda.de/produkt/catia-letizia-ein-neuanfang-auf-kreta/. Ich wünsche den geschätzten Lesern viel Vergnügen und freue mich sehr über ein Feedback.
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